Der Krieg hinterlässt auch gute Spuren

Das war das Beste, das ich je gemacht habe“

 

Teneriffa: Das sagt die Staatsanwältin Marian García Sanjuan aus La Laguna. Sie meint damit die Aktion, die sie zusammen mit Mitgliedern eines Vereins, der normalerweise Ferienaufenthalte von belarussischen Kindern aus Tschernobyl organisiert, umgesetzt hat. Dieses Mal ist es ihnen gelungen, 122 Menschen aus der Ukraine, darunter 56 Kinder, auf Teneriffa in Sicherheit zu bringen. „Ich bin sehr dankbar, denn ich habe sehr viel Hilfe erfahren. Vor allem durch den Rotary Club in Puerto de la Cruz und dessen Präsidentin Jutta Álvarez“, erzählt sie. Und natürlich dank der großzügigen Hilfe der regionalen Fluggesellschaft Binter Canarias. „Die beiden Bodenstewardessen Verónica und Pino, die uns schon zwei Tage vorher bei den Vorbereitungen geholfen haben, waren wunderbar. Und auch der Pilot der Maschine. Es gab kanarisches Essen an Bord, die Kinder bekamen ein Plüschtier und Lutscher, alle waren so nett zu den Menschen und vor der Landung auf Teneriffa wurde die Kabine in blau-gelbem Licht beleuchtet. Das war eine Geste, die bei den Menschen so warm ankam und mir heute noch Gänsehaut bereitet. Diese Reise war unglaublich emotional“, berichtet sie. Drei Monate lang hat sie sich beurlauben lassen, um die Vorbereitungen zu treffen und bei der Ankunft zu helfen. Mitgeholfen hat auch Verónica, eine 22-jährige Ukrainerin, die schon lange auf Teneriffa lebt. Sie hat Kontakte in ihre Heimat hergestellt und so einige Familien überzeugen können zu kommen. Die andere Hälfte kam vom Rotary Club in Polen, die Kontakte zu Geflüchteten hatten, die bereits im Land waren. „Wir waren so glücklich, als der Bus mit den Menschen aus der Ukraine endlich sicher in Polen angekommen war. Es haben nicht alle geschafft, die wir auf der Liste hatten, denn manchmal war es einfach zu gefährlich, das Versteck zu verlassen. Andere kamen in letzter Minute dazu. Zum Beispiel eine Frau, die uns noch nach dem Boarding anflehte, sie und ihren Sohn mitzunehmen. Er wäre in zwei Tagen 18 Jahre alt geworden und hätte dann das Land nicht mehr verlassen dürfen. Ein junger hübscher Mann, wie hätten wir den zurücklassen können? Allerdings gilt er jetzt als Dissident und darf wahrscheinlich nicht mehr in die Ukraine zurück“, erzählt Marian. Vor allem den älteren Frauen sei es sehr schwer gefallen, in die Maschine zu steigen. Manche hatten die Ukraine noch nie verlassen. „Wenn du ihnen auf der Landkarte gezeigt hast, wie groß die Ukraine ist und wie klein und wie weit weg die Kanarischen Inseln sind, dann haben manche ungläubig geschaut“, erinnert sie sich.

 

Und wie geht es den Menschen jetzt?

 

Wir haben eine unglaubliche Hilfsbereitschaft erlebt. Man hat uns fünf Häuser zur Verfügung gestellt. In Santa Cruz leben in einem Haus drei Mütter mit fünf Kindern und in Taco eine siebenköpfige Familie. In La Matanza haben sieben Personen Platz und in Guargacho fünf. Außerdem hat man uns in Tejina ein großes Haus überlassen, in dem zehn Waisenkinder mit ihren zwei Mentoren leben. Viele aus unserem Verein bieten als Gastfamilien ein Jahr lang kostenlos Kost und Logis an. Zum Teil haben sie sogar ihr eigenes großes Schlafzimmer mit eigenem Bad für die Gäste geräumt, damit sie mehr Intimsphäre haben. Viele Kanarier haben uns Kartoffeln und Obst gebracht. Ich habe festgestellt, dass oft diejenigen am meisten geben, die selbst nicht so viel haben. Es ist überwältigend“. Alle schulpflichtigen Kinder sind inzwischen in den lokalen Schulen eingeschult. Sie wurden von den anderen Kindern und den Lehrern sehr herzlich empfangen und selbst die Behörden haben dieses Mal sehr schnell gearbeitet. Alle sind in der Sozialversicherung gemeldet und können medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Es gibt Sprachkurse, in denen Kinder und Erwachsene spanisch lernen. Bis es so weit ist, geht es auch mit Händen und Füßen oder mit dem Google-Translator.

 

Natürlich haben die Menschen auch ihren Schrecken, ihre Geschichte und ihre Ängste mitgebracht

 

Das Haus in Taco zum Beispiel liegt in der Einflugschneise des Flughafens von La Laguna. Am Anfang konnten die Frauen und Kinder nicht am Tisch sitzen bleiben, wenn ein Flugzeug über sie hinweg flog. Sofort sind alle unter den Tisch gekrochen. Inzwischen ist dieser Reflex weg und sie bleiben sogar im Patio sitzen, wenn ein Flugzeug startet oder landet“, berichtet Marian. Es gibt Mütter, die ihren Kindern Lebensfreude zurückgeben möchten und nicht zeigen, wie viel Angst sie um ihre Männer, Brüder und Väter haben, die zurückgeblieben sind. „Wir wollen, dass unsere Kinder wieder ruhig schlafen können und in Sicherheit sind“, meint Ruslana. Sie stammt aus Charkiv und kam mit ihren Töchtern Anastasia (6) und Paulina (13). Sie fühlen sich wohl und willkommen. Und trotzdem träumt sie von dem Tag, an dem sie zurückkehren können - in ihr Haus, das im Moment noch steht, zu ihrem Mann und ihrer Arbeit als Beamtin. Wann das sein wird, weiß sie nicht.

 

Ist es nur Putin, der diesen Krieg betreibt und kann man das, was jetzt geschieht, irgendwann verzeihen?

 

Auf diese Frage hat Roslana eine klare Antwort: „Wie kann man jemals verzeihen, dass die russischen Menschen zugelassen haben, dass in der Ukraine Frauen und Kinder vergewaltigt und getötet wurden?“ Ihre Freundin Svetlana stammt aus Irpin. Sie kam mit ihrer 25-jährigen Tochter Julia, dem 14-jährigen Sohn Timothy und der gleichaltrigen Tochter einer Nachbarin, die sie bei ihrer Flucht mitgenommen haben. Immer wieder schaut sie sich auf dem Handy Fotos von ihrem Mann und ihrem Schwiegersohn an, von der Hochzeit der Tochter und von Familienfeiern in Häusern, die inzwischen weitgehend zerstört sind. Trotzdem hat auch sie nur ein Ziel: Sie möchte wieder zurück nach Hause. „Die Ukraine sind wir alle. Wir haben niemandem etwas getan. Ich hoffe, dass alle Politiker weltweit sich dafür einsetzen, diesen Krieg zu beenden. Ich bin den Kanariern sehr dankbar für ihre Hilfe und Gastfreundschaft. Aber ich möchte wieder nach Hause. Ich möchte die Kanarischen Inseln besuchen, um Ferien zu machen und nicht um hierher vor einem Krieg zu fliehen“, sagt Svetlana.

 

 

Spenden willkommen

 

Wer dem Verein bei der Versorgung der ukrainischen Gäste helfen möchte, kann dies über das Spendenkonto tun:

ES75 0182 5310 6900 1015 4833 Stichwort: Ayuda UCRANIA

Von dem Geld werden in erster Linie Einkaufsgutscheine gekauft oder Geschenke, wenn eines der Kinder Geburtstag hat.

 

Wer möchte, kann direkt Lebensmittel, vor allem Fisch- und Gemüsekonserven oder Hygieneartikel, nach La Matanza bringen. Die Adresse lautet: Calle San Cristobál 62 in La Matanza. Terminabsprache bitte über die Telefonnummer 649 895 915. (auch Deutsch).



 

Marian (mi.) mit Roslana (re.) und Svetlana (li.). Montse (li. außen) hilft bei Behördengängen und versprüht gute Laune (Foto/SV)

 

 

 

 

 

 

 



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